PPSB - HAMBURG

Wie wurden wir eine systemische KiTa?

Wir gehen dann mal los
Jana Hagemann aus der Kita "Stadt Oase" in Hamburg berichtet von der Pilgerreise ihres Teams:
Nun sind wir also angekommen. Nach einer langen Wanderung über die Felder und Wege der systemischen Pädagogik und Psychologie haben wir es endlich geschafft. Unsere Kindertagesstätte ist Deutschlands erste zertifizierte systemische Kita. Anlass für uns, den Weg noch einmal Revue passieren zu lassen.

"Und allem Anfang wohnt ein Zauber inne", sagten wir uns wohl noch nicht, als wir vor fünf Jahren begannen, die ersten Schritte auf dem Entwicklungs-Pfad zu gehen. Eine Erzieherin der Kita hatte die Ausbildung zur systemischen Therapeutin am PPSB gemacht und begann, die Kolleginnen in der Kita mit ihren Ideen zu konfrontieren. Sätze wie" Jeder hat seine eigene Wahrheit" oder "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" verstörten uns anfangs. Doch die Auseinandersetzung mit diesen Leitgedanken forderte alle Mitarbeiterinnen der Kita heraus. Als kurze Zeit später ein zweiter systemischer Therapeut und Berater ins Kollegium kam und schließlich Leiter der Kita wurde, hatten wir eine Art Wanderführer auf dem Pilgerpfad, und die Arbeit am neuen Konzept wurde intensiviert. Ein systemisches Menschenbild als Grundlage systemischen Denkens und Handels in unserer Kita sollte entstehen.

Im Verlauf der folgenden zwei Jahre gab es kaum eine Dienstbesprechung, in der das Thema "Systemisches Konzept" nicht bearbeitet und diskutiert wurde. Unsere Empfehlung in dieser Phase: Die Kita-Leitung sollte alle Fragen der Kolleginnen und Kollegen aufgreifen, auch wenn das auf den ersten Blick viel Zeit kostet. Die Arbeit an neuen Konzepten bringt Unsicherheit und Unruhe mit sich. Respektvoller und wertschätzender Umgang auch mit den Gefühlen der Kolleginnen und Kollegen kann die Wogen glätten.

Einige Themen sind uns besonders im Gedächtnis geblieben. So diskutierten wir lange über die Aussage: "Jedes Handeln eines Kindes ist für das Kind sinnvoll." Was aber, wenn ein Kind die Spaghetti an die Wand wirft? Wie gehe ich damit systemisch um, wie kann ich systemisch reagieren? Kann und darf ich meckern, wenn sich ein Kind nach meiner Einschätzung unmöglich verhält? "Ja", war die Antwort, es darf auch mal gemeckert werden, aber "systemisch", also mit einer fragenden Haltung, um neue Antworten und damit Entwicklung zu ermöglichen.

Zur Klärung von Begriffen wie "Autopoiese" oder "Konstruktivismus" luden wir Mitarbeiter des PPSB ein und wandten uns vielen Fragen aus der pädagogischen Praxis zu, zum Beispiel: Wie kann ich auf systemische Art Grenzen setzen? Wie gehe ich systemisch mit ADHS um? Gibt es in einer systemischen Kita Regeln? Und wenn ja, wie gehe ich damit um?

Dabei stellten wir fest: Das Handeln des Kindes macht einen Sinn, unser Handeln macht auch einen Sinn und dann rasseln wir zusammen. Wie gehen wir damit systemisch um? Welche Aspekte sind aus systemischer Sicht für den Umgang der Kolleginnen miteinander hilfreich? Wie erklären wir den Eltern, was wir jetzt anders machen? Fragen ohne Ende und ein spannender Prozess.

Hier sind unsere Empfehlungen für Teams, die ein systemisches Kita-Konzept entwickeln wollen?

  1. Nehmen Sie sich Zeit. Energiegeladenes Vorpreschen hat schon so manchen Pilgertraum bereits am ersten Tag beendet. Blasen und Krämpfe zwangen zum aufgeben. Deshalb: Hören Sie auf die Sorgen, Bedenken und Ideen der Kolleginnen und Kollegen.
  2. Machen Sie mal eine Pause. Pausen zum Luftholen sind wichtig. Den Reiz einer Landschaft und den Wert einer Wasserstelle erkennt der Wanderer erst beim Innehalten. Und: Feiern Sie, was Sie erreicht haben. Lob und Anerkennung, wenn ein Teilziel erreicht ist, geben Kraft und Energie für die nächste Etappe.
  3. Beziehen Sie alle Kolleginnen, Kinder und Eltern in den Zertifizierungsprozess ein, frei nach Heinz v. Foersters Motto " Erhöhe die Anzahl der möglichen Lösungen auf die Fragen, die die Welt uns stellt". Diese Strategie hat sich als sehr hilfreich erwiesen.
Sind wir nun wirklich am Ende unserer Pilgerreise angekommen? Nein, aber wir haben eine weitere Etappe auf dem Weg zurückgelegt, an dessen Ziel wir sagen könne: Bei uns gibt es einen tollen und anregungsreichen Ort für Kinder.