Die systemische Kita

Schon wieder eine neue Erfindung? Was ist denn eigentlich hilfreich am systemisch orientierten Konzept? Was ist das Neue an
der systemischen Art zu denken und zu handeln?
Diesen Fragen ging das Team des Hamburger Psychologischen Privatinstituts für systemische Beratung (PPSB) nach und fasste die
Antworten in einem Buch zusammen, das im November im Verlag „das netz" erscheint.
Um einen Vorgeschmack zu geben, stellt Harald Ott-Hackmann, einer der Autoren, die Grundannahmen des systemischen
Kita-Konzepts vor.
Individualität
„Fiete, eine Frage. Wie könnten wir das mal ganz anders machen?"
„Ich mache das sowohl so als auch manchmal auf meine Weise ganz anders."
„Super, dann hast du ja für jede Gelegenheit eine andere Lösung."
Individualität und Vielfalt sind Zielsetzungen im systemischen Denken und Handeln. Die systemische Kita ist nicht zufällig
anders als alle anderen Kitas, sondern deshalb, weil ihr Team sich bemüht, ein individuelles Konzept zu entwickeln, das es
den Kolleginnen ermöglicht, die Kinder als einmalige, einzigartige Menschen zu sehen. Sie freuen sich auf immer wieder neue
Begegnungen, lassen Neugier nicht nur zu, sondern machen sie zur Profession.
Ein individuelles Förder- und Bildungsprojekt Kita ist in der Lage, dem Bestreben der Kinder nach Ausdifferenzierung und
Entwicklung ihrer persönlichen Individualität den geeigneten Rahmen zu bieten.
Autonomie

„Ständig bringt uns Fiete zum Staunen. Wie er es bloß schafft, immer anders als alle anderen zu sein?"
„Das ist doch keine Kunst! Wenn du mir einen zeigst, der wirklich wie ich ist, mache ich Handstand auf einem Arm."
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kinder und Eltern sind bestrebt, individuelle Lebensstrategien zu entwickeln, um ihre
unterschiedlichen Lebensziele zu erreichen. In diesen Entwicklungsprozessen sind alle beteiligten Menschen prinzipiell
autonom. Sie nutzen ihre individuellen Fähigkeiten und Potenziale, um die Anforderungen, die das Leben ihnen stellt, zu
meistern. Sie benötigen Spielräume als Entwicklungsräume und Regeln, um ihre Entwicklung gemeinsam mit anderen zu realisieren.
Das systemische Konzept ist bestrebt, diese Vielfalt an Sicht- und Handlungsweisen wahrzunehmen und nötige Verhandlung zur Ziel-
oder Entscheidungsfindung zu ermöglichen.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können ihre Fähigkeit sozial zu sein einbringen, ohne die persönliche Autonomie
aufzugeben. Menschen können lernen, das Miteinander immer wieder neu zu verhandeln und es auf seine Alltagstauglichkeit
zu überprüfen. Sie brauchen die Gewissheit von Autonomie und Individualität in der eigenen Entwicklung, um die nötigen
Strategien zur Verhandlung folgender Themen zu entwickeln:
- Wie stelle ich mich und meine Arbeit dar?
- Wie gehe ich mit Grenzen um?
- Wie finde ich Ziele und konstituiere Werte?
- Wie gehe ich mit anders denkenden und handelnden Menschen um?
- Wie kommt das Team zu einem gemeinsamen Menschenbild?
- Ein Konzept muss die nötigen Regeln als Orientierungsgröße für ein solches Miteinander benennen.
Kommunikation

„Fiete, hast du mich verstanden?"
„Vielleicht. Ich sage dir, wie ich es sehe, und dann vergleichen wir..."
Eine zentrale Aussage der systemischen Theorie ist, dass Wirklichkeit linguierend, also sprachlich, erzeugt wird. Diesen
Grundsatz überträgt das PPSB-Team auf die unterschiedlichen Kommunikationsebenen des Systems Kita, hat die dazu nötige
Struktur entworfen und ein geeignetes Besprechungswesen eingeführt. Dabei sind folgende Schwerpunkte besonders berücksichtigt
worden:
- Die Kolleginnen und Kollegen müssen sich kreativ in die erforderlichen Prozesse einbringen können.
- Klare Entscheidungsstrukturen werden gebraucht.
Die Beteiligung aller – Kinder, Eltern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – an der Gestaltung der Kita ist erforderlich
, so dass ein kooperatives Miteinander erzeugt werden kann.
Die Kita vernetzt sich mit anderen Hilfeanbietern des sozialen Netzes.
Ein kooperatives Sponsoring wird angestrebt, das dem Geber wie dem Empfänger von Spenden einen Vorteil bringt – eine
win-win-Situation entsteht.
Historie
„Warum kannst du dich nicht von diesem alten Zopf trennen, Fiete?"
„Kann ich, aber es stecken drei, vier schöne Haare drin. Die möchte ich behalten."

Geschichte wird täglich von Menschen gemacht. Sie entsteht durch unser aktuelles Denken und Handeln in Bezug auf unsere
Erinnerungen und Erfahrungen, also auf unsere individuelle Geschichte. Dabei handeln wir, indem wir unsere Geschichte
interpretieren, uns mit anderen Menschen austauschen und Handlungsentscheidungen treffen.
Geschichte ist nicht stabil in diesem Prozess – wir entwickeln uns und unsere Geschichte mit uns. Jeder kennt den Spruch
„Das mache ich anders als meine Eltern". Unsere Motivation ist, kein Abziehbild, sondern im Vergleich mit unseren
Vorfahren
ein Individuum zu sein.
Auch die Kita als soziales System – von Menschenhand gemacht – erzeugt vom ersten Tag an eine eigene Geschichte. Beim Arbeiten
erinnern wir uns heute an gestern und wollen beim Handeln für morgen keine Fehler machen. Wir nutzen die Reflexion der
Geschichte, um zu erkennen, dass wir uns entwickelt haben. Ohne die Unterscheidung von „Früher war..." und „
Heute ist..."
können wir das Neue, das „morgen sein wird", nicht vorwegnehmen und planen. Ohne die Reflexion der Geschichte können wir
nicht sehen, dass wir Erfolge in unserer Entwicklung erreicht haben, und wiederholen womöglich ständig, was sich längst
überlebt hat – wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier".
Das systemische Konzept bietet eine Struktur und Methoden, sich im Team an erfolgreiche Strategien zu erinnern, überholte
Verfahrensweisen abzuschaffen und neue Erfahrungen zu machen, ohne den „alten Geistern" weh zu tun.
Immer wenn es um Erfahrungen und Geschichte geht, ist Dokumentation hilfreich, denn sie ermöglicht gemeinsames Erinnern und
erleichtert es, Unterschiede zur Aktualität zu bilden. Die wichtigsten Dokumentationselemente aus systemischer Sicht sind:
- konzeptionelle Entwicklung;
- methodische Erfahrungen;
- Projekte oder Angebote, um sie zu archivieren und als Ideenspeicher nutzen zu können;
- Entwicklungen der Kinder, um die Förderung und den Rahmen anpassen zu können;
- Vernetzungstreffen und gemeinsame Absprachen;
- Personalentwicklung.
Pädagogik
„Warum grinst du immer, Fiete, wenn es um Pädagogik geht?"
„Weil Pädagogik Mittel ist und nicht Zweck."

Die Pädagogik einer systemischen Kita sollte Vielfalt wertschätzen und unterschiedliche Sichtweisen hervorbringen,
um
differenzierte Wahrnehmung zu ermöglichen und zu fördern.
Menschen brauchen Vielfalt. Sie schaffen sie sich, um sich entwickeln zu können – um nicht einfältig zu werden.
Pädagogik
sollte dabei die Art und Weise und die nötigen Rahmenbedingungen gestalten.
Kinder und Erwachsene sollen von dieser Pädagogik partizipieren können, um ihre Autonomie und Kreativität
aufrecht zu
erhalten und auszuweiten. In dem Buch „Die systemische Kita" wird beschrieben, wie die einzelnen Aspekte von
Pädagogik nach
systemischen Gesichtspunkten organisiert und konstruktiv gestaltet werden können.
Das PPSB-Team griff bei der Entwicklung des systemischen Kita-Konzepts auf Erfahrungen aus vielen Supervisionen,
Konfliktberatungen und Fachberatungen in Kitas und auf Erfahrungen aus der therapeutischen Arbeit mit Kindern und deren
Familien zurück. Es entwickelte Methoden, die im Kita Alltag hilfreich sind und erprobte sie – von der Planung bis zur
Lösung unterschiedlicher Alltagsprobleme. Dabei folgte es dem Motto „Raus aus den elitären Psychopraxen – rein in den
Kita-Alltag".
Der Weg ist das Ziel
Vier Wegweiser zum Konzept
Kein Entwicklungsprozess – auch der eines Konzepts nicht
– ist jemals abgeschlossen. Regeln müssen neu formuliert,
Werkzeuge ausgetauscht und Baupläne der sich ändernden
Welt angepasst werden.
Vier Wegweiser helfen, Knotenpunkte im Blick zu behalten.
- Der erste Wegweiser: Das Prinzip »Gründlichkeit« ist dem Prinzip »Schnelligkeit« vorzuziehen.
Es geht um ein
Lebenskonzept für täglich acht Stunden Berufsalltag; dahelfen Schnellschüsse nicht. Alle Mitglieder des Systems müssen
sich anpassen, und das verlangt viel Energie.
- Der zweite Wegweiser: Am laufenden Prozess sollten die Eltern beteiligt werden, um hohe Kundenorientierung zu sichern.
Eine Kita ist kein Selbstzweck, sondern ein an den Kunden orientiertes Dienstleistungsunternehmen für Familien.
- Der dritte Wegweiser: Alle Regeln sind für alle beteiligten Menschen bindend. Sie können nur in den dazu
eingerichteten Entscheidungsgremien verändert werden.
- Der vierte Wegweiser: Das Konzept sollte ein Mal pro Jahr auf einer Klausurtagung überprüft werden. Zusätzlich kann
ein Qualitätszirkel eingerichtet werden, dem Vertreterinnen und Vertreter des Teams und die Leitungsmitglieder angehören,
um den Entwicklungsprozess kontinuierlich in Gang zu halten und Informationstransparenz zu sichern.